09.09.2019 - Historische Gesprächsrunde einmal anders.

Normalerweise treffen sich aktive Mitglieder unseres Vereins und andere Interessierte jeweils am zweiten Montag eines Monats im Mehrgenerationenhaus bei der Boy-Lornsen-Grundschule zu einem Gedankenaustausch über alles, was mit der Geschichte Brunsbüttels und Dithmarschens zu tun hat. Bei unserem ersten Treffen nach der Sommerpause am 9. September war das jedoch anders. Auf Vorschlag unseres Vorsitzenden Heinrich Voß fuhren wir zur Neulandhalle im Dieksanderkoog, um uns über die Umgestaltung dieses Baus aus der Nazizeit zu einem historischen Lernort zu informieren. 



Eine kleine Gruppe von Mitgliedern und anderen Interessierten machte sich um 18 Uhr auf den Weg. An der Neulandhalle angekommen, begaben wir uns zunächst in das Außengelände, auf dem die historische Dauerausstellung untergebracht ist. In großen Buchstaben stehen dort die Wörter Leben, Gemeinschaft, Volk und Raum in der Landschaft. Es handelt sich dabei um zentrale Begriffe aus der nationalsozialistischen Ideologie. Die einzelnen Buchstaben dienen als Ausstellungsflächen für viele Texte und Bilder.

Durch diese Ausstellung führte uns Matthias Ebeling. Seine Führung dauert normalerweise 90 Minuten, aber wir hatten nur eine halbe Stunde Zeit, da wir anschließend die Vorträge im Innenraum der Neulandhalle hören wollten. Herr Ebeling beschränkte deshalb seine Ausführungen weitgehend auf die Gewinnung von Neuland an der Nordseeküste und speziell auf den Bau des Adolf-Hitler-Koogs. Pläne für den Bau des Koogs gab es schon zur Zeit der Weimarer Republik. Sie wurden vom Gauleiter Lohse aufgegriffen, der schon sehr früh der NSDAP beigetreten war und von Hitler geschätzt wurde. Es wurden 1934/35 insgesamt 10.000 Morgen Land eingedeicht. Die Nazis gaben die Größe in Morgen an, da die Zahl 10.000 gewaltiger klingt als die Zahl 2500, die die gleiche Fläche in Hektar angibt. Der Deich, der den neuen Koog von der Elbmündung abtrennte, war knapp 10 km lang. Auf dem neu gewonnenen Land wurden 92 Siedlerstellen für alte Kämpfer, d.h. altgediente Nazis, aus Dithmarschen eingerichtet. Es handelte sich um zweitgeborene Bauernsöhne, die schon vor 1928 in die NSDAP eingetreten waren.

Anschließend begaben wir uns in den großen Innenraum der Neulandhalle, wo Martin Gietzelt, Leiter der Volkshochschule Meldorf und Vorsitzender des Vereins Volkshochschulen in Dithmarschen, über „Dithmarschen im Dritten Reich“ referierte. Er erläuterte an Hand der Wahlergebnisse aus der Zeit der Weimarer Republik, dass Dithmarschen schon früh eine Hochburg des Nationalsozialismus war. Die Tatsache, dass nach der Machtübertragung an Hitler in einigen Orten die bisherigen Bürgermeister und in Norderdithmarschen auch der Landrat im Amt blieben, führte Gietzelt darauf zurück, dass sie in den Augen der Nationalsozialisten als national zuverlässig galten und sich mit den Nazis arrangierten, obwohl sie bei Amtsantritt einen Eid auf die Weimarer Verfassung abgelegt hatten.



Weitere Punkte des Vortrags waren die Rolle der Kirche in Dithmarschen, das Schicksal des jüdischen Kaufmanns Samuel Stillschweig und seiner Familie aus Heide, die Auswirkungen des 2. Weltkrieges sowie der Einsatz von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen in Dithmarschen.

Anschließend hielt Dieter Kruse ein Referat über den Adolf-Hitler-Koog 1935 – 1945. Neu war dabei für viele von uns, dass das Gebiet um die Neulandhalle ursprünglich eine Hallig war. Der Referent hob hervor, dass beim Bau des Koogs nur eine einzige Maschine eingesetzt wurde, nämlich ein Transportband. Damit wollte man erreichen, dass möglichst viele Arbeitskräfte beschäftigt werden konnten, bei denen es sich überwiegend um Arbeitslose aus den Städten handelte. Der nationalsozialistische Reichsarbeitsdienst RAD stellte nur 10 Prozent der Arbeitskräfte.  

Herr Kruse veranschaulichte seine Ausführungen mit vielen zeitgenössischen Fotos, z.B. von der Einweihung des Koogs, die von Adolf Hitler selbst vorgenommen wurde. Er ging dann auch noch auf den Bau und die damalige Funktion der Neulandhalle ein, die 1936 durch den Gauleiter Hinrich Lohse eingeweiht wurde.

Insgesamt war es ein sehr informativer Abend, bei dem selbst unser Vorsitzender, der aus dem Adolf-Hitler-Koog/Dieksanderkoog stammt, noch Neues über seinen Heimatort erfuhr. Allen Lesern sei ein Besuch der Neulandhalle empfohlen, Die Ausstellung in den Außenanlagen kann jederzeit kostenlos besucht werden und ist auch ohne Erläuterungen durch einen der speziell geschulten sogenannten Histoguides verständlich.

Bericht: Andreas Jakob; Fotos: Wolfgang Dugnus