28.09.2019 - Ein interessanter Ausflug nach Meldorf

Auf der Jahreshauptversammlung unseres Vereins im Frühjahr hatten sich die anwesenden Mitgliedermehrheitlich für Meldorf als Ziel der diesjährigen Jahresexkursion entschieden. Diese fand am 28. September 2019 statt. Erster Programmpunkt war eine Führung durch das Dithmarscher Landesmuseum. Herr Dr. Otte, der wissenschaftliche Volontär des Museums, skizzierte zunächst kurz die Geschichte des Museums.

 

Seine Ursprünge liegen fast 150 Jahre zurück, als 1872 die Sammlung zur Geschichte und Kultur Dithmarschens gegründet wurde. Daraus wurde 1896 das Museum Dithmarsischer Altertümer. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erfolgte dann die Umbenennung in Dithmarscher Landesmuseum. Heute mißt die Ausstellungsfläche 1.600m².

Beim Rundgang durch die Mittelalter-Abteilung im linken Flügel des Gebäudes erläuterte Dr. Otte die Sonderrolle Dithmarschens im Mittelalter wegen seiner Insellage:

Im Norden, Westen und Süden ist es com Wasser umgeben (Eider, Nordsee, Elbe) und im Osten durch feuchtes, morastiges Gebiet vom übrigen Holstein getrennt, (s. links, Karte von Joh. Meyer "Dithmarsiae 1559". Diese geographische Lage ermöglichte die jahrhundertelange faktische Unabhängigkeit Dithmarschens, obwohl es rechtlich seit der Schlacht bei Bornhöved 1227 dem Bremer Erzbischof als Lehen unterstand. Dieser kümmerte sich aber nicht groß um das für ihn abseits liegende Dithmarschen, solange von dort regelmäßig die fälligen Abgaben geleistet wurden.

Ein wichtiges Exponat zur politischen Geschichte war die Originalausgabe des Dithmarscher Landrechts von 1447, das praktisch die Verfassung Dithmarschens bis zum Ende seiner faktischen Unabhängigkeit 1559 bildete. Darin wurde der 48er-Rat begründet, in den jede der fünf Döffte 12 Mitglieder entsenden sollte. da aber die Strandmannsdöfft (Marne, Brunsbüttel, Eddelak und Burg) keine Vertreter in diese Versammlung entsandte, bestand das Gremium statt aus 60 nur ais 48 Mitgliedern. (Döffte waren Gau-Unterbezirke, zu denen jeweils mehrere Kirchspiele gehörten). Natürlich ging Herr Dr. Otte auch auf die Schlacht bei Hemmingstedt im Jahre 1500 und die letzte Fehde von 1559 ein, die das En de der Bauernrepublik bedeutete.

Eine weitere Station beim Rundgang war der Bereich, der drei berühmten Dithmarscher Wissenschaftlern und Forschern gewidmet ist: Carsten Niebuhr, Heinrich Christian Boje und Reimarus Ursus. Letzterer dürfte den meisten von uns unbekannt gewesen sein. Er lebte von 1551 bis 1600 und war Astronom und kaiserlicher Hofmathematiker am Hof Kaiser Rudolfs II in Prag.

Neu dürfte für einige von uns auch gewesen sein, dass die imposante, vollständig mit Holz ausgekleidete Gerichtsstube des Landvogst Marcus Swyn nur eine nachbildung ist, da das Original nach seiner Auslagerung im 2. Weltkrieg verloren ging. Da Marcus Swyn in seiner Eigenschaft als Landvogt Stellvertreter des Herzogs von Schleswig-Gottorf in Norderdithmarschen war, musste er auf Besuche seines Herrn vorbereitet sein. Deshalb ließ er die beiden mächtigen Betten in die Gerichtsstube stellen, in denen das Herzogspaar übernachten konnte.

Stellvertretend für viele weitere interessante Exponate in diesem Teil des Museums seien hier nur erwähnt: die Wallbüchse, eine alte Muskete, die eventuell aus der Zeit de 30-jährigen Krieges stammt; die Bauernstube mit den in die Wand gebauten Betten (Alkoven); die Truhe für die Aufbewahrung von Wertgegenständen; die Folterwerkzeuge, mit denene Straftäter bei Verhören "behandelt" wurden. Anschließend führte uns Dr. Otte durch den Südflügel des Museums, in dem bis zum Beginn der 1960er Jahre die Meldorfer Gelehrtenschule untergebracht war. Hier konnten wir Einrichtungen aus dem 19. und 20. Jahrhundert besichtigen, z.B. Teile des ehemaligen Bahnhofs in Nordhastedt, ein altes Klassenzimmer, Maschinen einer Schnittleistenfabrik aus Heide, eiene alte Küche, einen Friseursalon, eine Landarztpraxis aus wilhelminischer Zeit, eine Zahnarztpraxis mit einem vorsintflutlich anmutenden Bohrer, der durch Treten des Pedals angetrieben wurde, verschiedene Ladengeschäfte, eine alte Kneipe und zum Schluß einen alten Kinosaal.

Anschließend führte uns die Stadtführererin Frau Burmeister durch den Meldorfer Dom. Zunächst erläuterte Sie die Geschichte dieser größten Kirche an der Westküste zwischen Hamburg und Ripen (dän. Ribe). Sie wurde von 1250 bis 1300 am Übergang von der Romanik zur Gotik errichtet. Diese beiden Baustile kann man an einigen Bögen in den Seitenwänden erkennen, wo über einem romanischen Rundbogen ein gotischer Spitzbogen zu sehen ist.

Die Kirche wurde auf Sand gebaut, was dazu führte, dass sich im südlichen Seitenschiff einige Pfeiler aus der Senkrechten leucht zur Seite neigen, sodass sie vor einigen Jahren in einem aufwendigen Verfahren stabilisiert werden mussten. Die inoffizielle Bezeichnung "Dom" ist irreführend, da diese Kirche nie Bischofssitz war. Der offizielle name ist St. Johanniskirche.

Nach diesen Ausführungen erklärte uns Frau Burmeister den aus Eichenholz gefertigten Lettner (Chorgitter) mit seinen vielen Figuren. Dieses Kunstwerk der Hollzschnitzerei bildet eine Art Zaun zwischen dem Altarraum und dem Teil des Kirchenschiffs, in dem die Gemeinde sitzt. Eine solche Trennung war bis zur Reformation in allen Kirchen üblich, da der Altarraum der geistlichkeit vorbehalten war. In Meldorf wurde der Lettner aber erst nachg der Einführung der Reformation errichtet, was eigentlich keinen Sinn ergibt, da Luther die strenge Trennung zwischen Geistlichen und Laien aufgehoben hatte.

Durch den Lettner hindurch konnten wir den Passionsaltar aus dem 16. Jahrhundert und das Taufbecken bewundern, das das älteste Stück im Dom ist und wahrscheinlich aus der Zeit um 1300 stammt. Sehr anschaulich erklärte uns Frau Burmeister dann die beiden großen Epitaphe im Mittelschiff der Kirche. Sie wurden von der Familie Steinhaus und der Familie Wasmer gestiftet. Ein besonders kostbares Juwel sind die Fresken in den Gewölben des Querschiffs und der Vierung (Kreuzungspunkt von Haupt- und Querschiff). Ungewöhnlich und vielleicht sogar einzigartig ist, dass im nördlichen Querschiff Szenen aus dem alten und dem neuen Testament in einem Gewölbe nebeneinander abgebildet sind.

Nach weiteren Ausführungen zu den Fenstern, die in den 1960er Jahren von dem Glasmaler für Kirchenfenster und Bildhauer Siegfried Assmann neu gestaltet wurden, und zum Grab Carsten Niebuhrs im südlichen Seitenschiff verließen wir den Dom und gingen zum Kaffeetrinken ins Dom-Cafe. Anschließend begaben wir uns unter der Leitung von Frau Burmeister auf einen kleinen Rundgang durch den alten Teil Meldorfs.

Auf dem Marktplatz wies sie uns auf die im neoklassizistischen Stil erbauten Häuser hin, die an der Form der Fenster zu erkennen sind. Das südlich vom Marktplatz gelegene Burgviertel war das alte Handwerksviertel, das auf einer Düne angelegt worden war. Zurück auf dem Marktplatz zeigte Frau Burmeister uns den Stolperstein für Friedrich Jansen, der am 15.05.1945 an den Folgen einer Schussverletzung starb, die ihm am 11.05., also drei Tage nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands, der noch im Amt befindliche Nazi- Bürgermeister Diekmann zugefügt hatte, weil Jansen ihn zum Rücktritt vom Amt aufgefordert hatte.

Zum Schluss ging es zum alten Pastorat im Klosterviertel, für dessen Erhalt sich 2003 eine Bürgerinitiative gründete, die mit Hilfe vieler Sponsoren das Gebäude restaurieren und so vor dem Verfall retten konnte.

Letzte Station auf dem sehr interessanten Rundgang durch die Altstadt war die Meldorfer Fibel, bei der es sich um einen bronzene Gewandspange aus der jüngeren Eisenzeit (50 - 100 n. Chr.) handelt. Sie wurde in der Nähe von Meldorf gefunden und liegt jetzt im Archäologischen Landesmuseum Schleswig-Holstein in Schloss Gottorf. Zur Erinnerung an diesen Fund wurde am Eingang zur Fußgängerzone Spreetstraße eine Steinplatte verlegt, auf der die stark vergrößerten Umrisse dieser Spange eingeritzt sind.

Eigentlich war damit das Ende der Stadtführung erreicht, aber auf Wunsch mehrerer Teilnehmer erklärte sich Frau Burmeister bereit, mit uns zum Galgenberg in der Österstraße zu fahren, auf dem im Jahre 1796 die letzte Hinrichtung in Meldorf stattfand. Es war eine sehr interessante und lohnenswerte Exkursion, die uns viele neue Erkenntnisse vermittelte, obwohl einige von uns vielleicht vorher gedacht hatten, dass sie Meldorf doch eigentlich kennen. Dem zweiten Vorsitzenden unseres Vereins, Gerd Moormann, gebührt unser aller Dank für die hervorragende Organisation dieser Fahrt.

Bericht: Andreas Jacob; Fotos: Wolfgang Dugnus