Vortrag zur Branntweinpest in Dithmarschen.

Nach der Exkursion des Vereins für Brunsbütteler Geschichte am 24.09.2022 nach Heide hielt Herr Thomas Giesenhagen, der an dem Tag auch die Stadtführung übernommen hatte, am Montag, den 10.10.2022 im Hotel "Zur Traube" für den Verein einen Vortrag zur Branntweinpest in Dithmarschen, die begann, als Schleswig-Holstein politisch noch zu Dänemark gehörte.

Während des 19. Jahrhunderts kam es in Dithmarschen und ganz Schleswig- Holstein vermehrt zum Mißbrauch von Alkohol. Auslöser war der Dänische Staatsbankrott von 1813, der durch die Auswirkungen der Napoleonischen Kriege verursacht wurde. Die währungspolitischen Maßnahmen Dänemarks erforderten den Wechsel von altem Papiergeld in den neuen „Rigsdaler“ im Verhältnis 6:1. Zur Deckung der neuen Banknoten wurde eine Zwangssteuer von 6 % auf das Immobilienvermögen erhoben. Das hatte eine wirtschaftliche Depression zur Folge. Auch die Auseinandersetzungen mit Dänemark, endend mit der Einverleibung Schleswig- Holsteins in den preußischen Staat 1867 führten zu Problemen in Teilen der Bevölkerung.Im Jahr 1840 hatten 2% der Bevölkerung einen Pro Kopfverbrauch von einer halben Flasche Schnaps in der Woche. Was das für eine Familie mit damals 6 bis 8 Kindern im Schnitt bedeutete kann sich jeder ausrechnen. Zu beachten ist dabei, dass die Qualität dieser geistigen Getränke durch die wesentlich höheren Fuselanteilen längst nicht den heutigen Anforderungen an guten Schnaps entsprach, was weitere gesundheitliche Probleme mit sich brachte.
Am Beispiel der Stadt Heide erläuterte Thomas Giesenhagen im Gegensatz zur Verelendung vieler Verbraucher die Begründung des Wohlstands der Kaufleute im Bereich des Marktplatzes. In der Spitze waren in Heide 10 Brauereien und 10 Brennereien vorhanden. Mit vielen historischen Fotoaufnahmen unterlegte Giesenhagen die Geschichte der jetzt zum Teil nicht mehr vorhandenen Gebäude und ihrer früheren Besitzer rund um den Heider Marktplatz. Dabei stellte er heraus, dass sich in fast jedem zweiten Haus einmal eine Schnapsbrennerei befand.Dadurch, dass der Dänische Staat nichts gegen den Alkoholmißbrauch unternahm, gründeten sich überall in Schleswig-Holstein Vereine der Mäßigkeitsbewegung zur Eindämmung dieser Verhaltensweisen. Pastoren und Personen der wie Georg Fr. Chr. Vollquarts, ein führender Mäßigkeitsapostel und Prof. Dr. Joh. Georg Büttner standen an der Spitze der Mäßigkeitsbewegung. Der unter dem Namen "Ernst Mahner" auftretende Carl Friedrich Wilhelm Schlemmer, ein Scharlatan, predigte gegen den Alkohol, profitierte aber von seinen Auftritten mit Einnahmen aus Eintrittsgeldern.
Die Geschäfte mit dem Alkohol verliefen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts immer prächtiger. Ab etwa 1870 reduzierte sich die Schnapsbrennerei und der Alkoholkonsum, weil nach der Einverleibung Schleswig-Holsteins durch Preußen der Staat den Alkohol mit hohen Steuern belegte. Nun trat das Trinken von Bier und Wein in den Vordergrund, weil es billiger war. Die Anzahl der Bierbrauereien wurde jedoch geringer und aus den Schnapsbrennern wurden Weinhändler.
Nachdem der sehr anschauliche und fundierte Vortrag endete, ergab sich für die Anwesenden noch die Gelegenheit, das von Thomas Giesenhagen zu diesem Thema geschriebene Buch mit dem Titel "Kampf dem Heider Drachen" - die vergessene Heider Mäßigkeitsbewegung von 1843 bis 1849 zu erwerben.

Der Verein für Brunsbütteler Geschichte merkt dazu an, dass es auch in Brunsbüttel Bestrebungen gegen den Alkoholgenuss gab. Die Kanalzeitung gab bekannt, dass am Samstag, den 02. Dezember 1899 in Wagners Hotel ein Herr G. T. Blume aus Hamburg von der Großloge II des Guttemplerordens einen Vortrag mit dem Titel "Der Kampf gegen den Alkoholgenuß" hält. Die nächste Aufgabe dieser internationalen Gesellschaft war der Kampf gegen die alkoholischen, berauschenden Getränke, die "ein Quell vieler Leiden und Unglücksfälle, von Verarmung und Krankheit, Unsittlichkeit und Verbrechen, Verrohung und eine schrankenlosen Genußsicht bilden." Dies gab den Anstoß zur Gründung derBrunsbüttelkooger Guttemplerloge "Manneswort", die 1929 ihr 30-jähriges Stiftungsfest feierte.